Über das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage
Im Sommer wird das Land zur großen Bühne: An vielen Tagen ist in Mecklenburg-Vorpommern mehr los als in der Kulturmetropole Hamburg, wo etwa genauso viele Menschen leben, wobei die an der Elbe viel mehr Geld in der Tasche haben. Das Zauberwort heißt Tourismus. Denn die Urlauber nutzen das kulturelle Angebot nicht nur, sie bezahlen es zu einem großen Teil. Das geschieht über den Kauf von Konzert- oder Theaterkarten, aber auch indirekt: Der Restaurantbesuch finanziert die kleine Jazzformation auf der Promenade, die Kirchturmbesteigung, das nächste Sonntagskonzert und die Kurtaxe das Filmfest.
Trotzdem kommen die sommerlichen Open-Airs in diesem Jahr unterschiedlich bei den Besuchern an. Während die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und das Piraten-Open-Air in Grevesmühlen wohl neuen Besucherrekorden zustreben, leiden andere Veranstaltungen unter Zuschauerschwund. So hat die »Macht des Schicksals« die Schlossfestspiele Schwerin selbst getroffen: Besucherrückgang auf dem Alten Garten. Trotz viel Reklame rund um Luises Geburtstag lockte die »Königin der Herzen« weniger Zuschauer zu den Schlossgartenfestspielen Neustrelitz als im Vorjahr. Geplatzt ist auch der Traum vom neuen Besucherrekord bei der Sommerbespielung des Rostocker Volkstheaters in der ehemaligen Neptun-Halle 207. Und auch einige kleinere Veranstaltungen blieben trotz Klasse hinter den Erwartungen zurück, wie die Jazz-Nacht im Rostocker Zoo.
Auf Platz 1 bei den Erklärungsversuchen: natürlich das Wetter. Erst zu kalt, dann zu heiß, dann zu nass. Aber damit müssen alle Veranstalter kämpfen. Argument Nummer 2: Das Geld sitze nicht mehr so locker. Stimmt, sagt auch das Gastgewerbe, aber mehrere Selbsttests beweisen: In einem schönen Restaurant sollten Sie immer einen Tisch reservieren. Und dann wird noch die wachsende Konkurrenz ins Feld geführt das Totschlagargument schlechthin. Ja, immer mehr Orte handeln nach der Devise: Das Haus ist leer, Kultur muss her. Man kann das beklagen oder die Herausforderung annehmen.
Zufrieden mit dem bisherigen Verlauf sind die Macher der Störtebeker-Festspiele auf Rügen, des bundesweit größten Open-Air-Theaterspektakels. Bei den Vineta-Festspielen auf Usedom ist die Resonanz ähnlich wie 2009. Die »Müritz-Saga« in Waren meldete zur Halbzeit neue Rekordzahlen der Schlussstrich wird aber fast überall erst nach dem Redaktionsschluss für diesen Kulturkalender gezogen. Ebenfalls ungebrochen: das Interesse bei den 20. Fallada-Tagen in Carwitz, den Konzerten der MeckProms sowie den Sommerspielangeboten der Vorpommerschen Landesbühne auf der Usedomer Hafenbühne und im Heringsdorfer Theaterzelt. Die Pause vom Hochsommer im August bescherte auch vielen Ausstellungen und Museen ein neues Hoch. Aber kein Licht ohne Schatten so blieben die Penck-Schau in der Kunsthalle Rostock und die Landeskunstschau in Weitendorf wohl hinter den Erwartungen zurück.
Haben wir zu viel Kultur im Land? Ich denk nein. Haben wir zu wenig gute Angebote? Nein, das glaub ich auch nicht. Aber die Frage, ob wir die richtigen Angebote, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort haben, würde ich ebenso mit Nein beantworten. Gerade weil das riesige Kulturprogramm vor allem von den Auch-Kultur-Touristen gestemmt wird, bestimmen sie, was Kultur ist und was nicht. Wenn die Veranstalter da genauer hinhören sowie Terminabstimmung, Information und Kooperation weiter verbessern, ist mir nicht bange für die kommenden Sommer.
Carsten Klehn